Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme

Berliner Zeitung vom 10.10.2016
Autor: Peter Uehling

„Es soll sich etwas ändern am deutschen Film – denkt, sagt und lehrt Wolf Otto Pfeiffer, Autor, Regisseur, Produzent, Drehbuchlehrer, Filmförderer. Pfeiffer hat mit den Filmpreisträgern Andreas Dresen und Romuald Karmakar zusammengearbeitet, zwei Filme, an denen er maßgeblich beteiligt war, erhielten Oscar-Nominierungen. Seit er in den 90er Jahren in Afrika im Auftrag der UNESCO geholfen hat, die Filmindustrie aufzubauen, befasst sich Pfeiffer mit der Frage des guten dramatischen Erzählens – und ist dabei zu Ergebnissen gekommen, die in seinen Seminaren und Kursen zum Drehbuchschreiben auch Absolventen von Filmstudiengängen und selbst gestandenen Filmprofis immer wieder entscheidende Aha-Erlebnisse bescheren.

Aber was ist denn so schlimm am deutschen Film? Aktuell scheint es doch gut zu laufen: Nicht weniger als 37 Millionen von knapp 140 Millionen Kinobesuchern in Deutschland haben sich im vergangenen Jahr für einen deutschen Film entschieden. So jubelte im Frühjahr die Filmförderanstalt – und muss gleich einräumen, dass es ohne „Fack ju Goehte 2“ unter 30 Millionen wären. Liest man die Statistik weiter, wären es ohne Til Schweigers „Honig im Kopf“ bereits nur noch 23 Millionen, und ohne Matthias Schweighöfers „Der Nanny“, Bully Herbigs „Traumfrauen“ und ohne die Bestseller-Verfilmung „Er ist wieder da“ landen wir bereits deutlich unter 20 Millionen. Mit 2,7 Millionen Zuschauern schlägt der letzte Teil der „Tribute von Panem“ zu Buche, der als „deutscher Film“ gezählt wird, weil er teilweise im Studio Babelsberg und an deutschen Schauplätzen gedreht wurde. Den Rest teilen sich größtenteils Filme wie „Bibi und Tina“ oder „Der kleine Drache Kokosnuss“: Unter den 10 bis 19jährigen ist der größte Zuschauerzuwachs zu verzeichnen.

Aber waren wir nicht dieses Jahr wieder in Cannes vertreten? Indem Maren Ade von der Kritik zur „Retterin des deutschen Films“ hochgeschrieben wurde, gingen immerhin eine halbe Million Menschen in ihren Film „Toni Erdmann“, während andere, ebenfalls hochgelobte Filme wie Nicolette Krebitz’ „Wild“ nicht einmal 30 000 Menschen ins Kino lockten.

Pfeiffers Kritik am deutschen Film richtet sich nicht primär gegen seinen kommerziellen Misserfolg, sobald er die Gefilde der Komödie verlässt. Er ist davon überzeugt, dass dieser Misserfolg mit künstlerischen Mängeln zusammenhängt: Mit der Unfähigkeit zu erzählen. Der deutsche Film sei in der Regel Nacherzählung, nicht Gestaltung einer Geschichte. Er hinterlasse im Zuschauer eine Folge bunter Bilder, aber keine Idee. Das Wesentliche am Film sei aber nicht das Sichtbare, sondern was im Zuschauer übrig bleibt, nachdem der Film vorbei ist – mit einem Wort: das Geistige. Deswegen hat Pfeiffer das von ihm gegründete „Zentrum zur Förderung des Geistigen im Film“ kurz „FILMGEIST“ genannt. Um sein Anliegen zu unterstützen, wurde vor einem knappen Jahr der „FILMGEIST Freundeskreis e.V.“ gegründet, und beide Körperschaften unterstreichen ihr Anliegen, indem sie Preise verleihen: Den FILMGEIST-Ehrenpreis für besondere Verdienste um die Förderung des Geistigen im Film haben die Schauspielerin Katrin Sass sowie die Filmhistoriker Erika und Ulrich Gregor erhalten. Der in diesem Jahr erstmals verliehene Deutsche FILMGEIST-Preis, demonstrativ einen Tag vor Vergabe der Deutschen Filmpreise verliehen, ging an die Filmemacher Roland Steckel, Max Hopp, Klaus Weingarten und Jan Korthäuer für ihren Film „Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme“. Das ist eindeutig kein Film für die Masse, aber, wie Pfeiffer versichert, ein Film für die Ewigkeit. Heute zeigt der FILMGEIST-Freundeskreis den Film im „Babylon“ und lädt zum Gespräch mit den Filmemachern ein.

Jacob Böhme war ein Schuster aus Görlitz, der von mystischen Visionen heimgesucht wurde und sie auf Tausenden von Seiten zu Papier brachte. Zu Lebzeiten wurde er von der Kirche als Ketzer ausgeschlossen, die Frühromantiker begriffen ihn als ihren hellsichtigen Vorläufer. Die Lesung aus Böhmes Schriften bildet das Rückgrat des Films. Die Worte über den Menschen oder Gott in der Natur erschließen sich auch bei konzentriertem Zuhören nur bedingt: Zu fremd ist der Blickwinkel, zu fremd die Gestimmtheit, aus der Böhme spricht. Mit seinen Bildern jedoch vermag der Film zu helfen, in die Stimmung zu kommen, in denen Böhmes Worte im Hörer aufgehen. Die Kamera zeigt etwa einen von immer wieder anderen Seiten beleuchteten Kopf, streift durch die Natur, verharrt in der Betrachtung eines Sonnenaufgangs, lässt die Böhme-Figur in einer Schreibkammer erscheinen und verschwinden. Indem sie nicht illustrieren, schicken die Bilder den Betrachter auf die Suche nach einem Zusammenhang zwischen ihnen und dem Text – und zwingen ihn damit zu einer ganz eigenen, träumenden Aufmerksamkeit.

Nein, eine „Geschichte erzählen“, das, was Pfeiffer in seinen vielen Seminaren als wirksamstes Mittel zur Darstellung einer Idee vermittelt, das will „Morgenröte im Aufgang“ nicht. Der Film gleiche vielmehr einer musikalischen Komposition, sagt Pfeiffer, er bestehe im durchdachten Zusammenspiel von Sprache, Bild, Ton und Stille, das den Zuschauer dennoch zu einem Erlebnis führe: Wenn er sich zu öffnen vermag, hat er am Ende eine mystische Erfahrung gemacht – oder zumindest eine Ahnung empfangen. Der Film mag in seiner Form – weder Dokumentar- noch Spielfilm – experimentell sein, aber er hat für sein Thema eine ideale Umsetzung gefunden, was ihm klassischen Rang verleiht.

Geradezu idealtypisch zeigt „Morgenröte im Aufgang“, worum es Pfeiffer mit FILMGEIST geht: Die Hauptarbeit lag hier nicht in der Herstellung dessen, was sichtbar wird, sondern in der jahrzehntelangen Beschäftigung Roland Steckels mit den Schriften Böhmes: Er hat sein Thema durchdrungen und vermag es nun in einer eigenen, vorbildlosen Form dem Zuschauer darzustellen. Und von der Form, nicht von gesellschaftsrelevanten Stoffen und durchpsychologisierten Dramaturgien, gehen geistige Impulse für den Film aus.

Heute 19:30 im Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 9 Euro-“


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