Primitivsyntax

„Die Konzeption von Filmen geschieht in Gedanken, und soweit Gedanken nicht ohnehin schon den Kategorien von Sprache folgen, findet ihre erste Entäußerung unvermeidlicherweise sprachlich statt, (…) Das entsetzlich Schwierige beim Drehbuchschreiben besteht nun darin, dass man, weil schreibend, zwar unweigerlich von der immanenten Logik der Sprache, ihrer natürlichen Selbstverständlichkeit und einer sich dadurch ergebenden ,allmählichen Verfertigung der Gedanken‘ geleitet wird, dass sich diese Gedankenverfertigung aber in den meisten Fällen als viel zu komplex und untauglich im Sinne der armseligen Filmsprache erweist und man gezwungen ist, unter Aufbietung aller Geisteskräfte eine Art intellektuellen Regressions- und Reduktionsprozess herbeizuführen, um (…) den angemessenen Ausdruck in der Primitivsyntax des Films zu finden.(…) Das bedeutet keineswegs, dass Film ein künstlerisch minderwertiges Ausdrucksmittel sei, und noch weniger bedeutet es, dass man sich erlauben könnte, selber dumm zu sein, um einen Film zu konzipieren. Im Gegenteil, man muss gescheit sein, so gescheit und intelligent und raffiniert wie nur irgend möglich, um in der dummen und dabei so unvergleichlich einleuchtenden Sprache des Films eine Geschichte erzählen zu können. Der Mensch ist ein Wortwesen.(…) Für Bilder besitzt er nur ein rezeptives, kein produktives Organ, und für eine so komplizierte Angelegenheit wie das Erzählen einer Geschichte in der Sprache der Bilder ist sein Gehirn einfach nicht simpel genug strukturiert.“

– Patrick Süskind, 1997 im SPIEGEL, über das Drehbuchschreiben.

Sie haben Post (Toni Erdmann)

Betr.: Muss mich mal äussern

Lieber Wolf Otto,
habe gerade den hochgejubelten fast-goldene-Palme-verdächtigten TONI ERDMANN gesehen und mich mächtig aufgeregt!
Und viel an Dich gedacht!!
film – FILM …
Jemand Kluges hat mal gesagt: das Leben verhält sich zur Kunst wie Weintrauben zu Wein.
Nach 3 Std Weintrauben kann ich zwar eine Maren Ade verstehen, dass sie ein charmantes Szenario: sich selbst entfremdete Tochter findet dank Intervention ihres kauzigen Vaters wieder zu sich selbst und entdeckt die Liebe zu ihm
mit 2 guten Schauspielern besetzt und sie einfach mal improvisieren lässt…
Aber als Schauspieler weiß ich: Improvisation ist toll und man kann originäre und auch anrührende Momente finden, aber es gibt natürlich auch viel AUSSCHUSS und ist nur eine Methode der Annäherung!!
Ich finde es von der Regisseurin dreist, uns diese Improvisation als Kunst zu verkaufen, es verläppert kläglich und es fehlt jede VERDICHTUNG!! Sprich KUNST.
Und dass die Filmkritik das dann als Werk feiert, ist mir völlig unverständlich
(wahrscheinlich, weil ja im LEBEN die Dinge halt auch manchmal so dahinplätschern!!!)
film halt…

Liebe Grüße
xxx

Gedanken zur Filmkunst

Aus der Dankesrede von Klaus Weingarten zur Verleihung des Deutschen FILMGEIST Preis durch den FILMGEIST Freundeskreis e.V. an seinen Film MORGENRÖTE IM AUFGANG – HOMMAGE A JACOB BÖHME am 26. Mai 2016:

„Vielen Menschen offenbart sich die Tiefe ihres Menschseins erst im Leid.
‚Das schnellste Pferd, das euch zur Vollkommenheit trägt, ist Leiden, denn es geniesst niemand mehr der ewigen Seligkeit, als wer mit Christus in der größten Bitternis steht‘, schrieb Meister Eckhart.

Die abendländische Kultur scheint trotz der Frohen Botschaft von dieser deprimierenden Erkenntnis tief geprägt; wir scheinen verlernt zu haben, die Tiefe unseres Seins auch in der Freude erleben zu können – oder wir begnügen uns dabei schon mit dem Wenigen, was die Oberfläche hergibt.

Die großen Filme unserer Zeit bilden die tragische Verfassung des heutigen Menschen sehr genau ab, decken Unmenschliches auf und stellen das Leid dieser Welt in allen Facetten dar. Im Volksmund sagen wir, jemand sei ‚von Leid entkräftet‘. Wir glauben, unserer Gesellschaft eine ähnliche Diagnose ausstellen zu können. Was sich an Schrecklichem und Leidvollem unter uns abspielt und sich nicht nur in unzähligen Filmen reproduziert, beginnt, alles zu überschatten, und es fehlen uns die Kraft und die Utopien, an diesen Umständen etwas zu ändern.

Der Berg des Leidens wächst. Der Impuls zu einem wirklich anderen Blick auf den Menschen steht nicht im Raum.

Das gilt auch für gerade diejenigen Filmemacher, die wir aufgrund ihrer eindrucksvollen filmischen Form schätzen und verehren, wie etwa Ingmar Bergmann, Andrej Tarkowskij oder in jüngerer Zeit Béla Tarr; die von ihnen gefundene Bildsprache und die befreite entfesselte Kamera sind von apokalyptischer Melancholie geprägt und zeigen fast ausschließlich verzweifelte Menschen.

Im antiken Griechenland, in Teilen der Kultur des Mittelalters und besonders in der italienischen Renaissance finden sich noch Spuren einer grundsätzlich anderen Kunstauffassung, in welcher die Künstler ihren Zeitgenossen ‚vor-bildeten‘, was diese zu werden fähig wären:

‚Genährt vom Kulturwillen ihrer Zeit, stellten alle diese grossen Schaffenden das Ideal solchen Kulturwillens sichtbarlich und in höchster Vollendung in ihren Werken dar. Sie zeigten nicht, wie ihre Zeitgenossen wirklich waren, – denn wahrlich gab es zu ihrer Zeit auch des Niedrigen und Gemeinen gerade genug, – sondern wie sich ihre Zeitgenossen gesehen wissen wollten, durchdrungen von dem starken Willen zur steten Erhöhung ihrer eigenwüchsigen Kultur! Nicht ihr Fehlwertiges, nicht das, was erkannt war als ein zu Überwindendes, stellten sie dar, – sondern das Göttliche, dessen Spuren sie auch unter tierischer Hülle zu gewahren wussten. Ihre Werke sprachen mit lauter Stimme: ‚Seht, das ist die Welt, die unsere Besten ahnen!’So wirkte ihr Werk auf die Seelen gleichsam als ‚Vor-Bild‘ dessen, was der Mensch aus sich machen könne, was er zu werden vermöge. So holte ihr Werk in den Seelen Kräfte aus der Tiefe, die ohne solchen Erweckungsruf niemals schaffend und zeugend ins Leben eingewirkt hätten, und die Mächtigen der äußeren Gewalt wussten sehr wohl, was sie den grossen Bildnern ihrer Zeit zu danken hatten.‘

Als „Künstler“ wurden in dieser Epoche die wenigen bezeichnet, die in der Lage waren, mit künstlerischen Mitteln geistige Werte dazustellen, welche den Menschen seelisch erhoben und seinem Geist Nahrung boten. An diesem Punkt möchte die Organisation zur Umwandlung des Kinos* anknüpfen und in der Gegenwart neue Formen des filmischen Ausdrucks finden. Film ist das Medium mit der grössten Verbreitung und dem höchsten Wirkungsgrad. Gleichzeitig ist die Filmkunst wie kein anderes künstlerisches Medium fähig, Geistiges sichtbar und erfahrbar zu machen. Das Kino hätte das große Potential, ein Ort zu sein, an welchem dem Heiligen wieder Raum gegeben werden könnte, im Sinne einer Wiederbelebung unserer inneren seelischen Welten.“

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* „Organisation zur Umwandlung des Kinos“ ist der Name von Hans Weingartens Filmproduktion