Zur Vorgehensweise des gestaltenden Schaffens

Wir haben Material und wir haben eine Form. Bei jedem Schaffensschritt geht der Blick zuerst nach aussen auf die Form; er sucht in der Form nach der Aufgabe. Dann geht er nach innen aufs Material; er sucht im Material nach Elementen zur Lösung der Aufgabe. Dann geht der Blick wieder nach aussen auf die Form; er erprobt das geschaute Material nach Maßgabe der Aufgabe. Und so fort. Der Blick muss also wechseln; er darf nicht im Inneren verhaftet bleiben. Hier liegt ein Hauptproblem vieler Leute, die schreiben wollen: sie können sich nicht von der Innenschau lösen. Es ist ihnen noch nicht einmal klar, dass sie das zu tun hätten. Die „Dramaturgie“ hat es ihnen aber auch nicht gesagt! Die „Dramaturgie“ hat noch nicht einmal eine Vorstellung davon, was „Form“ überhaupt ist. (Überprüfen Sie diese Aussage bitte in der „dramaturgischen“ Literatur!) Gestaltendes Schaffen aber heisst: Objektivierung von Material in der Form; es geschieht im stetigen Wechselspiel zwischen Innenschau und Aussenschau, Aussenschau und Innenschau.

Ein Gedanke zu “Zur Vorgehensweise des gestaltenden Schaffens

  1. Mit „Innen“ ist wohl „Vorstellung“ gemeint. Jede solche ist bereits Resultat eines (unbeobachteten) Veräusserlichungsvorganges, der in einem formalen Kraftfeld (Universalie) seinen Ausgangspunkt nimmt. Somit geht kunstvolles Erzählen nicht von Vorstellungen aus. Der Schaffensvorgang setzt immer im Übervorstellbaren an. Wenn dies nicht in Erfahrung gebracht, bewusst gemacht wird, ist es unfrei und unterliegt einseitig einer der von Schiller in seiner Ästhetik zutreffend beschriebenen Grundtrieben, entweder dem Stoff- oder dem Formtrieb. Dort, wo der Künstler wahrhaft Mensch ist und, wie Schiller sagt, zu spielen versteht, sucht die ideelle KraftTendenz einen Stoff, ein Material vorstellbarer Konkretheiten, worin sie sich durch einen musikalisch-plastischen Gestaltungvorgang inkarnieren kann. Die abstrakte Gegenüberstellung von Material und Form (in früheren Jahrzehnten „Inhalt“ und „Form“ benannt), die sich anzugleichen hätten, tritt bei einem qualifizierten künstlerischen Schaffen nicht auf.
    Vielmehr verlässt der formale Keim seinen „Innen“-Bereich, weist intentional über sich hinaus auf Stoffliches (sinnlich Vorstellbares, Erinnerbares) hin, schmiegt sich metamorphosierend in die Stoffwandlungen ein, bis er in einem von ihm durchgriffenen Komplex als Gesamtgestalt inhäriert. Dieser Enträtselung des ideellen Ursprungs geht eine Verrätselung der sinnlichen Merklichkeiten, also des vergleichsweise Stofflichen einher. Denn nachdem er künstlerisch gestaltet wurde, ist nichts so, wie er unmittelbar erscheint. Er muss im Licht des inkarnierten Gestaltungszusammenhanges „gelesen“ werden. Diesen Vorgang der Ästhetisierung nennt Novalis „Poetisieren“. – So durchdringen sich Forminkarnation und Stofftranssubstantiation im geglückten Gegenstrom des Kunstwerks.

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