Oh Boy

Oh Boy – Deutschland 2012

OH BOY ist ein deutscher Film. Zwar könnte der Titel etwas anderes suggerieren, dass er etwa ein amerikanischer Film sei, ein englischer, irischer, australischer, kanadischer… Auch bemüht sich der Film, nicht wie ein deutscher Film auszusehen. In seiner post-existentialistischen Haltung und Ästhetik erinnert er an frühere französische Filme. Dennoch ist OH BOY ein deutscher Film. Woher ich das weiss, fragen Sie? Nun, man erkennt es daran, dass keine Geschichte erzählt wird!

Deutsche Filme erzählen grundsätzlich keine Geschichten. Und das ist ihr Problem. Denn die Menschen mögen Geschichten. Und da es Menschen sind, die ins Kino gehen, Menschen im Kino Geschichten mögen und deutsche Filme keine Geschichten erzählen, hat der deutsche Film mit dem Publikum ein Problem. Denn das, was der deutsche Film dem Publikum anbietet und das, was das Publikum gern möchte, sind zwei verschiedene, wenn nicht gar entgegengesetzte Dinge.

Nun kann man nicht sagen, dass der Film OH BOY erfolglos wäre. Er hat bei der Verleihung des deutschen Filmpreises mit sechs Auszeichnungen, darunter für das beste Drehbuch und die beste Regie, alle anderen deutschen Filme um Längen geschlagen.

OH BOY ist – ich stimme zu – ein herausragender Film. Allerdings ist er das nur in seinem Herkunftsland. Im internationalen Vergleich ist er eher belanglos. Dies sagt viel aus über den deutschen Film. Das massgebende Kino der Weltproduktion ist anders geartet. Der Hauptunterschied besteht darin, dass das massgebende Weltkino Geschichten erzählt. Denn das massgebende Weltkino hat Ahnung vom Geschichtenerzählen und es hat Ahnung vom Publikum.

Sprechen wir von den – im Kontext des deutschen Films – herausragenden Qualitäten, die der Film OH BOY hat. Sie liegen vor allem in zweierlei:  zum einen darin, dass er Haltung besitzt, und zum anderen darin, dass diese Haltung einen angemessenen und einheitlichen gestalterischen Ausdruck findet. Dies ist eine schöpferische Leistung des Autors und Regisseurs Jan Ole Gerster, die zweifelsfrei respektvolle Anerkennung verdient.

Allein, solche Qualitäten erwartet man im Grunde genommen von jedem Film. Wenn nun diese Selbstverständlichkeit von der deutschen Filmgemeinde in den Himmel gehoben wird, dann zeigt das um so mehr, wie erzählerisch armselig es in den Niederungen des deutschen Filmalltags sonst so zugeht. OH BOY ist gewissermassen ein Einäugiger unter Blinden.

Aus diesem Grund bleibt er auch ein Film für eine begrenzte Zahl von Zuschauern, nämlich solchen, denen an den spezifischen Qualitäten, die der Film besitzt, gelegen ist. Der Masse der Zuschauer ist daran nicht gelegen. Interessant sind diesbezüglich die Bewertungen, die der Film etwa von Zuschauern auf itunes erhält. Es gibt dort keine mittlere Bewertung, sondern nur vollständige Begeisterung (vier oder fünf Sterne), oder völlige Ablehnung (null Sterne oder ein Stern).

Wie kann es sein, dass das Publikum so unterschiedlich auf den Film reagiert? Es gibt einige bestimmte Publikumsgruppen, die von dem Film angesprochen werden. Eine Gruppe wird angesprochen von der Welt des Films. Diese Gruppe sind entweder Prenzlauer Bergler, ehemalige Prenzlauer Bergler, solche, die gern Prenzlauer Bergler wären oder es zu werden beabsichtigen. (Wobei Prenzlauer Bergler zu sein ja nicht allein eine Frage der Wohnadresse ist, sondern nicht zuletzt auch eine Frage einer Art bohemienistischer Lebensauffassung). Ich vermute mal, dass von den doch stattlichen 400.000 Zuschauern, die der Film hatte, die Hälfte auf diesen Personenkreis entfällt. Ihn begeistert der Film, fühlt er sich doch verstanden und sogar – in ironischer Weise zwar, die indes aber auch Bestandteil des Prenzlberger Lebensgefühls ist -, hofiert.

Etwa 100.000 Zuschauer dürfte die zweite Zuschauergruppe ausmachen: Mitglieder der film community und Cineasten. Ihnen gefällt – ganz zu Recht – der Stil und der Wille zum Stil, der den Film prägt wie lange kein deutscher Film mehr von Stil und Stilwille geprägt war.

Da ich selber sowohl im Prenzlauer Berg lebe und mich auch an Stil und Stilwille erfreue, war der Film für mich persönlich keine unangenehme Kinoerfahrung, allerdings auch keine überragende. Ich habe mich auch streckenweise gelangweilt; denn dem Film fehlt zur Gänze, was auch mich an Filmen – wie andere schlichte Gemüter auch – packt und begeistert: thematische Tiefe und Spannung. Der Film thematisiert nichts, er zeigt nur, was ist, so, wie deutsche Filme das eben tun: Welten mehr oder weniger stilvoll vorführen. Insofern kann ich verstehen, warum viele Leute, von denen ich gelesen habe und die ich getroffen habe, mit dem Film nichts anfangen können; denn sie sind keine Prenzlauer Bergler – weder geographisch noch „philosophisch“ -, und schon gar nicht interessieren sie sich für Stilfragen. Wir treffen hier also wieder auf die alte Krux, den zentralen Aspekt von publikumswirksamem Filmemachen: das Bekanntmachen mit Welten und Fragen von Stil verschaffen dem Publikum kein emotionales Erleben; sie sind bestenfalls ein intellektuelles Vergnügen für bestimmte Zirkel. Die emotionale Kraft von Filmen speist sich aus anderen Quellen: aus Erkenntnistiefe und aus Spannung. Mit beidem hat es der deutsche Film eben nicht so, selbst in seinen besseren Exemplaren nicht.

10 Gedanken zu “Oh Boy

  1. Meines Empfindes nach ein extrem subjektiv verfasster Blogeintrag. Ich mochte den Film und ich bin weder Prenzlauer Berglerin noch Cineastin. Mir gefiel an dem FIlm, dass er, auch wenn es anfangs nicht den Anschein erwecken mag, durch seine mangelnde Geschichte und seinen nicht vorhandenen Spannungsbogen trotzdem etwas erzählt. Das Lebensgefühl einer Generation. Oder eines Teils einer Generation. Es ist traurig oder meinetwegen langweilig, aber das ist gut. Es ist so wie es ist und dann ist es eben die Charakteristik des deutschen Films, Dinge so darzustellen, wie sie sind. Es ist Geschmackssache, es zu mögen oder nicht zu mögen. Für mich ist es schön, dass der deutsche Film diesen Charakter hat und nicht versucht, etwas anderes zu sein.

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    • Ja, liebe Hannah, das ist das problem zwischen einem film und einem deutschen film – das, was du für erzählen hältst, ist dokumentieren – in diesem sinne ist „oh boy“ ein schwarz/weißer dokumentarfilm, der mit den spezifischen doku-stilmitteln uns das leben dieses jungen mannes vor augen führt, aber es ist kein spielfilm, weil er, wie wolfgang sagt und was ich genauso empfunden habe, zeigt, was ist, aber keine geschichte mit dramatischen stilmitteln erzählt, worin ja der wirklich große unterschied zwischen dokumentar- und spielfilm liegt – gehe ich von diesen gedanken aus, ist es doch wirklich großartig, wie die macher es geschafft haben, dass so viele menschen einen dokumentarfilm über das leben eines jungen menschen in berlin im kino sehen wollten – das ist wirklich eine tolle leistung, wenn man beachtet, wieviele zuschauer im allgemeinen einen dokufilm im kino sehen wollen 😉

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  2. mir hat der Film gut gefallen. Es ging mir nicht gut und er hat mich einen Moment lang abgelengt von meinen düsteren Gedanken, darüber habe ich mich gefreut und dazu muss ich ja kein Cineast sein.

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  3. Also, dass der Film keinen Handlungsbogen hat, stimmt so in meinen Augen nicht. Im Grunde ist der Aufbau über weite Strecken klassisch: Anfang – ein Charakter in Agonie bzw. Depression. Das erzeugt Mitleid/Empathie mit dem Helden. Darüber hinaus ergeben sich zwei Fragen, die im weiteren Verlauf die Handlung tragen bzw. für Spannung sorgen: 1. Frage: Wie ist der Junge in diese Situation gekommen? 2. Frage: wie kommt er da wieder raus?
    Alle Begegnungen des Jungen, die nun folgen, sind Versuche von ihm, auszubrechen. Diese gelingen allerdings nicht, stattdessen entpuppen die Begegnungen sich als Begegnungen mit der Vergangenheit, die damit nach und nach aber die Antwort auf die erste Frage entblättern: Sie erklären, wie der Junge in seine gefühlt ausweglose Situation geraten ist. Gerade durch den doppelten Boden dieser Art der Erzählung fand ich sie sogar ziemlich raffiniert gemacht – und in diesem Sinne gar nicht „typisch deutsch“.
    Wo ich allerdings zustimme: Am Ende fehlt ein Wendepunkt, der noch mal überrascht und in eine andere Richtung lenkt. Dadurch verlässt man den Film dann vielleicht mit dem etwas schalen Gefühl, das eine unvollständige Geschichte erzeugt.

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    • eigentlich könnte ich antworten, was ich hannah geantwortet habe, aber noch etwas zusätzlich – vielleicht solltest du dich beobachten in hinsicht dessen, was du einen doppelten boden nennst – die frage ist doch, ob der wirklich da ist oder ob du ihn hineininterpretierst, damit du nicht ganz unzufrieden am ende bist, für einen langweiligen film eintritt bezahlt zu haben? das, was du einen handlungsbogen nennst, ist die erzählweise eines dokumentarfilms, nicht die dramatische eines spielfilms

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  4. Oh Boy ist ein netter Film, aber oh Boy! wie ist es möglich, dass ein solcher Film sechs mal ausgezeichnet wurde? Gibt es in Deutschland Filme, die das eher verdient hätten? Oder sind wir so arm an guten Filmen?
    Ein Armutszeugnis ist das!

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    • ja, liebe christina, leider sind wir so arm daran – woran das liegen kann? vielleicht nicht an denen, die filme machen wollen, sondern eher an denen, die sie bewerten und für die dann die filme gemacht und angepasst werden schon im embryonalen stadium der förderungsanfragen? die zensur im kopf der macher?

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  5. ich kann wolfgang nur zustimmen – wie in den antworten schon erwähnt – das ist ein dokumentarfilm, kein kinofilm für mich – natürlich fehlt ihm etwas an einem wirklichen dokumentarfilm, weil die macher mit den dialogen versucht haben, einen kinofilm daraus zu machen – aber da sie immer zwischen den türen standen, ist es eben weder noch in reiner form – und deshalb eigentlich langweilig – bei manchen sätzen bin ich aus der agonie aufgeschreckt, aber nach dem dritten oder viertel mal habe ich das kino verlassen – wenn ich wissen will, wie es ist im normalen leben, gehe ich mit offenen augen und ohren durch die straßen und kneipen und und und – aber im kino will ich emotionen erleben, will ich in form einer dramatisch erzählten geschichte, die in mir emotionen weckt, erfahren, wie menschen auf tragische oder komische weise mit ihren stärken und schwächen, mit ihren zwängen und feigheiten, mit ihren ängsten und träumen etc umgehen, um etwas zu erreichen oder um nicht von etwas erreicht zu werden – hier wurde mir nur etwas vorgeführt und nicht dramatisch erzählt – deshalb ist es kein spielfilm – ja, und aus ermangelung von qualität hat er eben alle preise erhalten – in deutschland liegt das geld für die produktion von filmen in händen derer, die keine ahnung vom dramatischen erzählen mit filmischen mitteln haben – ist das in anderen ländern eigentlich anders? davon habe ich keine ahnung

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