Max Beckmann – Departure

Dokumentarfilm. Deutschland 2012

Der Film besteht aus Erläuterungen zu Bildern Max Beckmanns durch „Experten“, die ergänzt werden durch pastoral vorgetragene Auszüge aus Beckmanns Tagebüchern und Briefen sowie dokumentarischen Einschüben im Wechsel mit von Bassstreichern untermalten Stimmungsbildern.

Das ist mir – mit Verlaub – erheblich zu wenig für einen Film, der den Anspruch hat, auf die Kinoleinwand zu wollen! Fürs Schulfernsehen mag das angehen; im Kino aber erwarte ich schöpferische Gestaltung, sozusagen eine künstlerische Eigenleistung! Damit ist gemeint: eine inhaltliche Idee und einen erkennbaren Willen, dieser Idee auf filmische Weise Ausdruck zu geben.

Als eine solche Idee hätte sich im vorliegenden Fall angeboten, einem Gedanken zu folgen, der aus den Tagebuchaufzeichnungen des jungen Beckmann stammt und der zugleich der einzig aufregende Gedanke des ganzen Films ist. Beckmann, der sich an dieser Stelle programmatisch zum Neuerer der bildenden Kunst stilisiert, sagt: »Es gibt meiner Meinung nach zwei Richtungen in der Kunst. Eine, die ja augenblicklich wieder einmal im Vordergrund steht, ist die flache, stilisierend dekorative, die andere ist die raumtiefe Kunst. Ich folge in meiner ganzen Seele der raumtiefen Malerei und suche in ihr meinen Stil zu gewinnen.«

Dass die Kategorie der „Raumtiefe“ für eine Künstlernatur wie Beckmann keinen ästhetischen Selbstzweck darstellt, dürfte sich von allein verstehen. In dem Film wird Beckmann immer wieder als Gott- und Wahrheitssucher bezeichnet und als besondere Qualität seiner Bilder ihre metaphyische Dimension betont. Es steht zu vermuten, dass im Zusammenspiel mit der Beckmann-eigenen Motivik eben jene „Raumtiefe“ das Operationsfeld ist, auf dem sich der vom Film behauptete metaphysische Gehalt der Beckmannschen Kunst ausmachen liesse.

Der bildenden Kunst sind ja – wie allen Künsten – in ihren Ausdrucksmöglichkeiten Grenzen gesetzt durch ihre Darstellungsmittel. Und die künstlerische Leistung besteht eben gerade im Ausnutzen dieser Beschränkungen. Das gilt für den Maler wie für den Filmemacher gleichermaßen. Eine reizvolle Aufgabe für einen Filmkünstler hätte nun darin bestehen können, mit den Beschränktheiten der eigenen künstlerischen Mittel, eben denen des Films, eine Entsprechung zu Beckmanns metaphysischer Raumtiefe zu versuchen und dadurch dem Zuschauer die Möglichkeit zu verschaffen, Beckmann auf Augenhöhe zu begegnen.

Weil der Film aber darauf verzichtet, einen eigenen geistigen Zugriff auf sein Material zu unternehmen, bleibt er – in Beckmanns Worten – stilisierend dekorativ, also flach. Mehr als ein Dokument über Beckmann wird er dadurch zum repräsentativen Zeugnis der künstlerischen Mut- und Kraftlosigkeit des deutschen Films.

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