Nachtzug nach Lissabon

Ich habe den zugrundeliegenden Roman vor ein paar Jahren angefangen zu lesen und ich hab ihn nach 100 Seiten weg gelegt, weil ich ihn langweilig und prätentiös fand. Die eher mässigen Kritiken, die der Film bekommen hat, liessen meine Neugier auf ihn nicht wachsen. Und mir missfällt auch grundsätzlich die spekulative Politik von Produzenten und Filmförderern, aus Mutlosigkeit und Mangel an Phantasie auf erfolgreiche Romane zu setzen.
Eigentlich bin ich ins Kino gegangen, weil ich Lissabon sehen wollte. Und ich habe Lissabon gesehen! Darüber hinaus habe ich aber einen Film gesehen, der – mit gravierenden Einschränkungen, über die zu reden sein wird – erzählerisch zum Bravourösesten gehört, was ich in den letzten Jahren an europäischen Filmen gesehen habe.
Dabei habe ich nach den ersten zehn Minuten schon überlegt, ob ich vielleicht wieder gehen soll, die nächsten 15 Minuten hatten Passagen, die ich als peinlich empfand, und in den folgenden 20 Minuten schien die Sache nicht richtig von der Stelle gehen zu wollen. Und dann kam die Szene, die die eigentliche Geschichte in Gang setzt. Denn was an dem Film interessiert, ist nicht die Geschichte eines älteren Lehrers, der aus unerfindlichen Gründen auf Selbsterfahrungssuche geht, wie das im Roman der Fall ist und wie es in den Kritiken zum Film dargestellt worden war; was an dem Film interessiert, ist das Schicksal eines jungen Arztes, der in Opposition zu einem diktatorischen System steht und eines Tages einem als „Schlächter von Lissabon“ berüchtigten Schergen des vom Volk verhassten Salazar-Regimes nach einem Anschlag das Leben rettet. Der Film erzählt, wie der durch seine Tat als „Verräter“ stigmatisierte Mann damit umgeht. Am Ende stellt sich heraus, dass gerade durch seinen „verräterischen“ Akt der Menschlichkeit die portugiesische Nelkenrevolution vom April 1974, die Beendigung eines unmenschlichen Systems erst möglich wurde.
Das ist natürlich Fiktion und hat mit den tatsächlichen historischen Begebenheiten nichts zu tun. Aber wir reden hier ja über ein Kunstwerk und nicht über Geschichtsschreibung. Die Ereignise sind so, wie in dem Film dargestellt, nicht geschehen, aber sie hätten so geschehen können.
Der Film behandelt ein grosses Thema, führt es zu einer bedeutsamen Idee und tut dies zudem noch auf erzählerisch äusserst kunstvolle Weise. Denn die Ereignisse um den tragisch verstrickten Arzt werden nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt, sondern erschliessen sich aus einer Art Puzzle, das sich aus den – chronologisch erzählten – Ermittlungen des Schweizer Lehrers ergibt und den Zuschauer gebannt auf das Ergebnis dieser Detekivarbeit starren lässt. Allen Freunden „alternativer“ Erzählweisen sei der Film zum Studienobjekt empfohlen. (Ich habe den Begriff „alternativ“ in Anführungszeichen gesetzt, weil es sich in Wahrheit um klassisches lineares Erzählen handelt; denn die Linearität ergibt sich natürlich aus der Linearität des Zuschauererlebens, unabhängig von der Behandlung der Zeit im Erzählen!)
Was an dem Film stört – und was ihn möglicherweise vielleicht sogar zer-stört, folgt man den negativen Kritiken – ist die unsägliche Dramaturgie der „Figurenpsychologie“, mit welcher der Lehrer (Jeremy Irons) als Protagonist erzählerisch belastet wird. Das ist nicht nur vollkommen überflüssig, sondern dem Erzählzweck auch extrem kontraproduktiv. Der Film gibt deshalb auch ein gutes Exempel für den Widersinn eines psychologistischen Filmverständnisses. Ich empfehle ihn wegen seiner erzählerischen Stärken, der Klarheit und psychologistischen Unbelastetheit seiner Kerngeschichte.
Der Film läuft nun seit fast drei Monaten in deutschen Kinos. In der Vorstellung, in der ich war, waren etwa 60 Zuschauer. Nachdem das psychologistische Brimborium nach ca. 45 Minuten abgehandelt war, herrschte gespannte Aufmerksamkeit, die dann nur gegentlich getrübt wurde durch weitere eingestreute Passagen zur „Figurenentwicklung“.
Der Film hat bisher 600.000 Zuschauer in Deutschland. Ich wünsche ihm, dass er noch zahlreiche mehr findet. Und dem Film als unschuldiger Kunstgattung wünsche ich, dass die psychologistische Figurendramaturgie aus besserer Einsicht in ihre erzählerische Unfähigkeit bald abdankt, oder man sie alternativ zum Teufel schickt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s