Film magic

In der vergangenen Woche war ich bei einer Filmvorführung zu Gast, bei der es einen deutschen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1986 zu sehen gab. Dank der Emsigkeit des Veranstalters war die bemerkenswerte Zahl von 30 Zuschauern gekommen, für einen fast 30 Jahre alten Dokumentarfilm eine durchaus ansehnliche Zahl.
Bemerkenswert – und selbst für mich ausgesprochen überraschend – waren dann aber vor allem die Reaktionen der Zuschauer auf den Film. Die Anwesenden schienen auf eine gewisse magische Weise erfasst zu werden und in dem anschliessenden Filmgespräch war man sich auf rührend naive Weise einig, dass man diesen Film „wieder in die Kinos bringen“ müsse. Es wurde gar die spontane Gründung einer Initiative erwogen, welche eben dies anpacken solle.
Bemerkenswert war diese Reaktion besonders aus zwei Gründen:
Zum einen „geht“ es in diesem Film scheinbar um gar nichts. Im Mittelpunkt steht ein Taxifahrer, der zufälligerweise im Jahr 1945 an einem bedeutsamen historischen Ereignis teilgenommen und die Erinnerung an dieses Ereignis auf streckenweise skurrile Art zu seinem Lebensinhalt gemacht hat. Der Film zeigt einen zweifellos politisch naiven Menschen, vielleicht sogar einen Wichtigtuer, er handelt von Geschichtstourismus, man spricht über Hühnerrassen, Schweineaufzucht und Milchproduktion, über mitgebrachte Souvenirs und Saufgelage; es geht um Nichtigkeiten, um Dinge, die kaum der Rede wert sind.
Zum anderen ist die Erzählung eingebettet in Begebenheiten, die von der Weltgeschichte längst überholt sind.
Dennoch war das Publikum der Ansicht, der Film besäße zeitlose Gültigkeit.
Der Grund für die Wirkung des Films rührt eben gar nicht von dem, was die Zuschauer sehen, sie rührt daher, was mit den Zuschauern passiert, während sie den Film sehen. Und was mit ihnen, den Zuschauern passiert, daraus ergibt sich die Aktualität des Films. Es ist sein verborgenes Thema, sein Unterstrom sozusagen, welches das Gefühl von Gültigkeit erzeugt. Einen solchen Unterstrom erzeugt zu haben, ist die Leistung des Films. Er verführt den Zuschauer zu einer geistigen Resonanz, in der es um das Verhältnis des Menschen zu Ideologien geht und er suggeriert, dass Ideologien etwas dem Leben Äusserliches und dem Glück Feindliches sind, dem Einzelnen aber, auch und gerade in seiner Unvollkommenheit, in seinem Lebensrecht die Priorität zu geben sei.
Absicht des Films ist es also nicht in erster Linie zu berichten, was passiert ist. Er benutzt stattdessen das dokumentarische Erzählmaterial, um den Zuschauer auf eine Reise in seine eigene geistige Welt zu schicken und ihm dabei zu helfen, die Dinge für sich zurecht zu rücken.
In einem Schlusswort äusserte ein Zuschauer die Auffassung, dass es viel zu wenig solche Filme gäbe.
Dem möchte ich nicht widersprechen.
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Der Film heisst JOE POLOWSKY – EIN AMERIKANISCHER TRÄUMER.
Falls ihn jemand zeigen möchte, er befindet sich im Verleih der Freunde der deutschen Kinemathek, oder er kann als DVD von mir bezogen werden.

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